Stöhrs Lesefutter
Mallis Haus im Schuh
Bestellbar

Mallis Haus im Schuh

von Hugo Rendler

20,60 EUR
Gebunden
Über Buchhandel bestellbar

Details

ISBN
9783000668067
Verlag
Rendler, Hugo (79241 Ihringen Scherkhofenstraße 3)
Erschienen
01.02.2021
Auflage
1. Auflage
Sprache
Deutsch
Seiten
208
Einband
Gebunden
Kategorie
Hardcover, Softcover / Belletristik/Erzählende Literatur

Beschreibung

„Konnte es wohl nicht erwarten“, soll er gesagt haben.Also, weil ich ein Siebenmonatskind bin. „Das hat sie jetzt davon!“ Also das mit der Nabelschnur um den Hals. Meine Mutter soll schon während der Schwangerschaft gesagt haben: „Ich will keine Trude!“ Weil: Sie hat doch selber Trude geheißen. Also haben sie mich Marie genannt. ❧ Ich hab‘ keine Schwierigkeiten mit Männern. Auch nicht unten. Weil ich eine ganz gesunde Einstellung zu meinem Körper hab‘. Ich mag ihn eigentlich. Und mit Sex und so hatte ich keine Schwierigkeiten. Eher mein Mann. Der war viel ängstlicher als ich. Waren wir intim, hatte ich deutlich weniger Spastiken. Er dachte ja oft, er tut mir in irgendeiner Form weh. Und hat immer gefragt und so, bis mir dann mal der Kragen geplatzt ist. „Jetzt mach‘ endlich!“ Ich habe sechzehn Narben an meinem Körper. Da kann ein Mann schon unsicher werden. Klar. Für meine Eltern war das auch ein Problem. Am Hochzeitstag, nach der Trauung, wollte meine Mutter mit mir sprechen. Mein Mann hat sich nichts gedacht und mich in die Küche geschoben.Und wie er wieder raus war, hat sie gemeint: „Am besten Du nimmst ein eigenes Zimmer! Damit Du nicht mit ihm ins Bett musst!“ Ich hab‘ gleich meinen Mann gerufen und gesagt: „Lass uns eine halbe Stunde spazieren fahren!“ Wir haben doch schon vorher Sex gehabt. Mein Mann ist dann zu meiner Mutter und hat zu der gesagt: „Hör mal zu: Deine Tochter ist über achtzehn!“ Und er ja auch. Meine Mutter war fünfundfünfzig. Mein Mann deutlich älter als sie. Ein halbes Jahr vor der Hochzeit, wie wir meinen Eltern gesagt haben, dass wir heiraten wollen, waren die so was von den Socken. „Das geht gar nicht!“, hat mein Vater gesagt, ist aufs Amtsgericht und hat einen Antrag auf Entmündigung gestellt. ❧ Sechs Wochen vor der Hochzeit musste ich zum Idiotentest. Amtsgericht. Erste Frage Amtsarzt: „Was ist fünf und fünf?“ Ich: Antwort gegeben. Zweite Frage: „Was ist Dein Lieblingsgericht?“ „Tomatenreis!“ Er wollte wissen, wie man den macht. Hab‘ ich ihm das Rezept runter gebetet. Dann wollte er wissen, was ich für Hobbys habe. „Basteln und lesen!“ „Was war denn Dein erstes Buch?“ „Das Haus im Schuh!“ „Selbst gelesen?“ „Nein!“, hab‘ ich gesagt und dass ich damals noch nicht hab‘ lesen können und dass Onkel Franz mir daraus vorgelesen hat. Er hatte ja Zeit. Nach seinem Unfall hat er nur noch im Bett gelegen. War mit dem Motorrad unter einen Traktor gekommen. Der soll ihn über zehn Meter mitgeschleift haben. Und die Beine: weg. Von da an hab‘ ich ihn, bis auf ein einziges Mal in der Nacht, nur noch im Bett gesehen! Meine Schwester hat mich meistens zu ihm rein geschoben. Onkel Franz den Kopf gehoben und gesagt: „Ah, da ist sie ja wieder, die faule Stinkerin!“ Ich hab‘ ihm immer Nussschokolade gebracht. Er hat Nussschokolade geliebt. Eine Tafel für ihn. Und eine, die wir gemeinsam aßen. „Was darf‘s denn sein?“ „Das Haus im Schuh!“ Dann hat er mir vorgelesen. Da war eine Mutter, die hatte viele Kinder. Und in jedem Loch von dem Schuh, hatte eines der Kinder gewohnt. Das war so schön! Der Amtsarzt: gelacht. Und fragt mich, warum ich heiraten wolle. „Weil ich mich mit meinem Verlobten körperlich, geistig und emotional verbunden fühle!“, hab‘ ich gesagt. Nach vielleicht dreißig oder vierzig Minuten hat er aufgehört zu schreiben, den Kopf gehoben und über den Schreibtisch zu mir rüber geschaut und: „Entschuldigung! Ich muss das machen!“, gesagt. Und dass er das Testergebnis und sein Gutachten dann schicken wird.

Über den Autor

Hugo Rendler geboren 1957 im Südschwarzwald, lebt als freier Autor in Ihringen am Kaiserstuhl. Er schreibt neben Romanen auch Theaterstücke und Drehbücher. Zahlreiche Hörspiele für DRS Zürich, SRF, RB, WDR und SWR. Radio-Tatorte. Etliche seiner Hörspiele wurden ausgezeichnet, u. a. 1994 mit dem Zonser Hörspielpreis. 2015 Nominierung für Prix Europa.