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Bitterzucker - Louis und die neue Niere (Roman)
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Bitterzucker - Louis und die neue Niere (Roman)

von Michael Ehrreich, Andreas F Pfeiffer

16,30 EUR
Taschenbuch
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Details

ISBN
9783950235746
Verlag
edition riedenburg e.U.
Erschienen
10.2009
Auflage
2. Auflage
Sprache
Deutsch
Seiten
112
Einband
Taschenbuch
Abmessungen
22 x 14 cm
Kategorie
Hardcover, Softcover / Belletristik/Erzählende Literatur

Beschreibung

An der Stiege hinauf zum Büro entschied er sich, doch den Lift zu nehmen. Er kehrte um, betätigte die Ruftaste des Aufzugs und wartete dann endlose zwei Minuten, bis der Aufzug von der dritten Etage in der Parkgarage angelangt war. Während der letzten Wochen war er wirklich froh gewesen, dass es diesen Aufzug gab, denn das Stiegensteigen machte ihm große Mühe. Vor allem am Abend, wenn er seine Füße in die über den Tag unerträglich eng gewordenen Schuhe hineinzwängen musste. Niemals hätte er sich gedacht, welche Probleme ihm ein Dreizehnstundentag im Büro bereiten könnte. Wenn er arbeitete, kam er kaum dazu, aufzustehen. Immer wieder stellte ihn das Internet-in-a-Box-Server-Projekt vor Probleme. Im Grunde genommen war Louis ja sogar froh darüber, weil er so erst spät abends in die seit der Trennung von Nike so unendlich leer gewordene Wohnung, in den unendlich leer gewordenen Feierabend zurückkehren musste. Dort hätte er sich nur von neuem gefragt, warum sie ihn so einfach aus heiterem Himmel alleine ließ. Lachend hatten sie vorher noch über die Namen ihrer möglichen Kinder diskutiert. Er hatte sich Mädchen gewünscht. Fußballspielen war nie seine Sache gewesen. Bei zwei linken Fußballfüßen. Lasst sie Fußball spielen, damit sie nicht an Mädchen denken, schrieb Handke in seinem „Die Angst des Tormanns vor dem Elfmeter“ und spielte dabei auf den Typ von Klosterinternat an, in dem auch er vor urlanger Zeit seine Knabenjahre verbracht hatte. Er hatte lieber an Mädchen gedacht, weil er ein schlechter Fußballspieler gewesen war. und deswegen, so hatte er Nike erklärt, wären ihm Töchter auch viel lieber als Söhne. Mit Söhnen müsste er wahrscheinlich Fußball spielen. Nike hatte ihn verlassen. Ihn nackt und mit offenem Mund auf seinem Bett sitzen lassen. Sie hatte gesagt: „Es ist aus, Louis, tut mir leid.“ Und als er sie fragte, warum, antwortete sie nur, sie wisse es nicht. Er habe nichts falsch gemacht, im Gegenteil. Nur dieses Gefühl, das sie am Anfang für ihn gehabt habe, sei verschwunden. Und dann war sie gegangen. Hatte ihn in der riesenhaft leeren Wohnung zurückgelassen. Etwa zur gleichen Zeit hatte ihm die Firma diesen Auftrag zugeteilt. Ein neues Produkt sollte entwickelt werden. Ein kleiner Internetserver für Kleinund Kleinstbetriebe ohne großen Wartungsbedarf. Dankbar, ja beinahe glücklich, stürzte er sich in diese neue Aufgabe. Was hätte er auch sonst mit dem riesigen Haufen an Zeit, Kraft und Phantasie anstellen sollen, der ihm nun plötzlich zur Verfügung stand. Jetzt, wo er niemanden mehr hatte, An der Stiege hinauf zum Büro entschied er sich, doch den Lift zu nehmen. Er kehrte um, betätigte die Ruftaste des Aufzugs und wartete dann endlose zwei Minuten, bis der Aufzug von der dritten Etage in der Parkgarage angelangt war. Während der letzten Wochen war er wirklich froh gewesen, dass es diesen Aufzug gab, denn das Stiegensteigen machte ihm große Mühe. Vor allem am Abend, wenn er seine Füße in die über den Tag unerträglich eng gewordenen Schuhe hineinzwängen musste. Niemals hätte er sich gedacht, welche Probleme ihm ein Dreizehnstundentag im Büro bereiten könnte. Wenn er arbeitete, kam er kaum dazu, aufzustehen. Immer wieder stellte ihn das Internet-in-a-Box-Server-Projekt vor Probleme. Im Grunde genommen war Louis ja sogar froh darüber, weil er so erst spät abends in die seit der Trennung von Nike so unendlich leer gewordene Wohnung, in den unendlich leer gewordenen Feierabend zurückkehren musste. Dort hätte er sich nur von neuem gefragt, warum sie ihn so einfach aus heiterem Himmel alleine ließ. Lachend hatten sie vorher noch über die Namen ihrer möglichen Kinder diskutiert. Er hatte sich Mädchen gewünscht. Fußballspielen war nie seine Sache gewesen. Bei zwei linken Fußballfüßen. Lasst sie Fußball spielen, damit sie nicht an Mädchen denken, schrieb Handke in seinem „Die Angst des Tormanns vor dem Elfmeter“ und spielte dabei auf den Typ von Klosterinternat an, in dem auch er vor urlanger Zeit seine Knabenjahre verbracht hatte. Er hatte lieber an Mädchen gedacht, weil er ein schlechter Fußballspieler gewesen war. und deswegen, so hatte er Nike erklärt, wären ihm Töchter auch viel lieber als Söhne. Mit Söhnen müsste er wahrscheinlich Fußball spielen. Nike hatte ihn verlassen. Ihn nackt und mit offenem Mund auf seinem Bett sitzen lassen. Sie hatte gesagt: „Es ist aus, Louis, tut mir leid.“ Und als er sie fragte, warum, antwortete sie nur, sie wisse es nicht. Er habe nichts falsch gemacht, im Gegenteil. Nur dieses Gefühl, das sie am Anfang für ihn gehabt habe, sei verschwunden. Und dann war sie gegangen. Hatte ihn in der riesenhaft leeren Wohnung zurückgelassen. Etwa zur gleichen Zeit hatte ihm die Firma diesen Auftrag zugeteilt. Ein neues Produkt sollte entwickelt werden. Ein kleiner Internetserver für Kleinund Kleinstbetriebe ohne großen Wartungsbedarf. Dankbar, ja beinahe glücklich, stürzte er sich in diese neue Aufgabe. Was hätte er auch sonst mit dem riesigen Haufen an Zeit, Kraft und Phantasie anstellen sollen, der ihm nun plötzlich zur Verfügung stand. Jetzt, wo er niemanden mehr hatte, Minuten vergingen, bis er ihn einschalten konnte und der Server endlich bootete. Die ganze Zeit hatte sich gallig schmeckender Speichel in seinem Mund gesammelt. Er kannte das, in den letzten drei Wochen war das jeden Tag so gewesen. Und er wusste, es würde nicht mehr lange dauern, bis er sich übergab. Er versuchte zwar, den bitteren Geschmack hinunterzuschlucken, doch es gelang ihm nicht. Daher entschuldigte er sich bei den Anwesenden mit kurzen Worten und machte sich, so schnell es ihm seine geschwollenen Beine erlaubten, in Richtung Männertoilette auf. Verdammt, dachte er sich, warum jetzt! Gerade noch rechtzeitig erreichte er den stillen Ort. Ekelhafte Flüssigkeit schoss mit großem Druck aus seinem Magen herauf und das Erbrochene spritzte von den Wandkacheln zurück. Es hörte nicht auf. Immer und immer wieder krampfte sich sein Magen zusammen, und mit jedem dieser Krämpfe ergoss sich ein neuer Schwall von Kotze aus seinem Mund in die Klomuschel, vor der er zuerst gestanden, dann gekniet und an der er schließlich kraftlos wie ein Sack gehangen hatte. Er wünschte sich nur mehr, dass er sterben könnte, dürfte, sollte. JETZT. „Louis, Louis!“, rief Sabine von außen, um sich zu erkundigen, was denn los sei. „Nichts, gar nichts.“, antwortete er. Das werde schon wieder, er habe in letzter Zeit öfter solche Zustände gehabt. In ein paar Minuten sei er wieder so weit und könne die Präsentation fortführen. Sie solle aber bitte eine Putzfrau rufen, er habe hier eine ziemliche Sauerei hinterlassen. “Au Sch.”, entfuhr es Sabine, als er ihr schließlich öffnete und sie ihn in seinem Erbrochenen liegen sah. Sie bestand darauf, dass er heimginge und sich ein paar Tage krankschreiben lasse. Ob ihn vielleicht ein Arbeitskollege oder eine Arbeitskollegin nach Hause bringen könne? Das schaffe er schon noch selbst, blockte er ab. Glücklicherweise musste er heute für sein Micro-Car keine Parklücke suchen, denn es war erst früher Nachmittag. Eine Viertelstunde blieb er hinter dem Lenkrad sitzen. Dann stieg er aus, ohne seinen Rucksack mit den Unterlagen von der Rückbank zu nehmen, schleppte sich zum Eingang, suchte umständlich seine Schlüssel, sperrte die Haustüre auf und nahm den Lift bis in den dritten Stock. Endlich in seiner Garçonnière angekommen, entledigte er sich seiner nach Kotze stinkenden Kleidung. Dann fiel er in sein Bett und wachte erst auf, als gegen 20 Uhr seine Wohnungsklingel schellte. Sein Freund Joe wollte ihn wegen einer Computersache um Rat fragen. „Wie siehst du denn aus?“, fragte Joe entsetzt, und Louis erzählte ihm, was vorgefallen war. Er bat Joe, ihm ein Glas Cola und eine Packung Salzstangen aus der Anrichte zu holen. Ob er denn sonst nichts esse, fragte Joe, nachdem er Louis‘ Lebensmittelvorrat gemustert hatte. Außer Salzstangen und Cola könne er seit ungefähr drei Wochen nichts mehr im Magen behalten, klagte Louis. Wenn Nike noch bei ihm wohnen würde, bekäme er sicher eine kräftige Rindsbouillon. Aber spät nachts nach der Arbeit habe er einfach nicht mehr die Kraft, sich selbst ein warmes Essen zu kochen. Joe solle seine Beine ansehen. So geschwollen, wie sie jetzt waren, seien sie jeden Abend. Und dann könne er nicht einmal mehr Schuhe anziehen, um in ein Restaurant zu gehen. Am nächsten Morgen wäre dann alles wieder normal. Allerdings nur, wenn er nachts die Füße hochlagerte. Ob er schon beim Arzt gewesen sei, fragte Joe besorgt. Louis bejahte. Was der Arzt denn dazu gesagt habe, wollte Joe weiter wissen. Dass er um Ostern herum ins Krankenhaus solle, um eine Neueinstellung seines Diabetes vorzunehmen. Aber ehrlich gesagt, meinte Louis, habe er keine rechte Lust dazu. Er müsse das Blackbird-Projekt bis August fertig bekommen, die Firma habe ihm eine fette Provision versprochen. Und dann würde er Urlaub machen. In Irland, wohin er mit Nike reisen wollte, über grüne Wiesen wandern, dem Brausen des Meeres in Dublin lauschen, wie es James Joyce in Ulysses beschrieb. Aber nun solle endlich Joes Problem besprochen werden, drängte Louis. Als Louis Joe gegen 21 Uhr zur Tür brachte, spürte er wieder den bitteren Geschmack in seinem Mund. Es dauerte nicht lange, dann stürzte Louis zur Toilette und übergab sich und übergab sich und übergab sich. Er übergab sich, bis er vor Erschöpfung nur mehr über der Muschel hing und sich nicht mehr bewegen wollte. Wie durch einen Schalldämpfer hörte er Joe fragen, ob er die Rettung rufen solle, denn so könne er ihn nicht alleine zurücklassen. Louis versuchte, Joe zu deuten, dass ihm nun alles egal sei. Sollte, wer auch immer, machen, was auch immer mit ihm gemacht werden sollte. Als die Rettung eintraf, hatte Joe ihn bereits aus der Toilette gehievt, ihn von seinen abermals über und über mit Erbrochenem getränkten Kleidern befreit und den Kraft- und Willenlosen mit großer Mühe notdürftig in einen Bademantel gepackt. Die Sanitäter fragten Joe nach den Umständen des Zusammenbruchs, und Joe erzählte, was passiert war. Dann packten sie Louis auf die Bahre und brausten davon.