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Sieh die Engel Sie schreiten
Erzählung in vier symphonischen Sätzen - Adagio Allegro Largo Andante - mit Prolog und Epilog
von Sigrid Maria Groh
18,50 EUR
Gebunden
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Details
- ISBN
- 9783981728613
- Verlag
- XQUISIV Verlag (Schnega-Molden)
- Erschienen
- 06.2020
- Auflage
- 1. Auflage
- Sprache
- Deutsch
- Seiten
- 120
- Einband
- Gebunden
- Abmessungen
- 22 x 13 cm
- Gewicht
- 350 g
- Kategorie
- Hardcover, Softcover / Belletristik/Erzählende Literatur
Beschreibung
Erste Leseprobe:
______
Adagio
1. Satz
______________________________________
Das Kind leidet. Es hat ein unbekanntes Leiden, es leidet
unter der Vergänglichkeit. Es versucht, sie zu bändigen,
sie inne zu halten, sie zum Bleiben zu bewegen, sie zu
bewegen, endlich endlich stehen zu bleiben. Es versucht,
sie einzuholen, zurückzuholen. Vergeblich. Vergeblich,
sie zum Wiederkehren zu bewegen. Daß nichts wiederkommt,
nichts bleibt, bereitet dem Kind Schmerzen.
Größere Schmerzen, als alle Krankheiten zusammen.
Schreiben ist wie Dämonen besiegen. Zu schweigen ist,
wie mit Dämonen zu leben. Schreiben ist Erinnerungen
entfesseln. Ist sich in Formeln zentrieren. Schreiben ist
schreien. Aus mir herausschreiben. In mich schreien.
Ich warte. Ich warte am Fuß der Berge, auf deren Spitzen
die Heiligen stehen, während sie die Wolken streifen mit
ihrem Lächeln. Wolken, die auf Wasser schweben, das sie
weinen. Wird er dort sein?
Schreiben ist immer Dich lieben.
Zweite Leseprobe:
______
Andante
4. Satz
______________________________________________
Ein weiter Weg. Ein weiter Weg, bis in das, mit gestochener
Hitze gefüllte Becken der Stadt. Verhuschend schmächtige
Männerkörper, wendig, im Gedränge. Die Frauen tragen
den Sari. Feinstgliedrig die weiblichen Körper unter einer,
in allen Farben schwimmenden Pracht. Die Menschen
tragen ein Lächeln im Gesicht, es schimmert auf schwarzer
Haut.
Der Traum. Durch meinen Traum wandert dieses Land im
Morgen, durchscheinend, in einer Transparenz, auf
indischer Seide gleiten die Fingerspitzen durch die sich
anhebenden Windungen bis in den Abend hinein, sie
tauchen durch das Blau, das Grün. Ein sanftes Blau, ein
sanftes Grün, hellsichtig, lichthoch, unter Wasser.
Auf dem Bahnsteig beobachten mich unzählige Augen, die
an den Waggons wie Trauben hängen und aus den Fenstern
der Abteile starren. Augen über Augen. Die Iris, eine
unbewohnte Insel im arktischen Schnee, der Kontrast
überspült von dem Dunkelhäutigen. Augen über Augen.
Sie beobachten die Frau mit dem breitkrempigen Hut, die
dort auf dem Bahnsteig steht. Die Frau hat eine weiße
Haut, halblanges rötliches Haar und grüne Augen.
Die Frau mit der weißen Haut, dem halblangen rötlich
blondem Haar und den grünen, den immergrünen Augen,
steht dort auf dem Bahnsteig und hält den breitkrempigen
Hut in der nervösen Hand. Es ist früher Morgen, die Hitze
des Tages kündigt sich an, sie wartet auf den Zug, der sie
ins Hochland von Ceylon bringen wird. Ein von Menschen
wimmelnder Bahnhof unter den kunstvoll sich biegenden
Eisenpfählen, angerostet wie die rötlichen Waggons der
Eisenbahnen. Hier ist die Zeit stehen geblieben. Wie eine
gewichtige Reliquie aus einer längst vergangenen,
glanzvollen Epoche erreicht der rostrote Intercityexpress
aus dem letzten, verflossenen Jahrhundert nahezu feierlich
- Gampaha.
Sie steigt ein. Augen über Augen.
Geräuschvoll, heftig vibrierend, als schüttele ihn der Frost,
hebt der Zug an zur Fahrt in das Bergland. Traumhaft. Eine
Oase, so weit das Auge reicht. Die Blicke weiden sich in
Schönheit, einer Schönheit, die vergänglich, aber nicht
altert, die überschwänglich, verschwenderisch. Die Insel im
Rausch aus Grün. Das Jahr wechselt nicht seine Gezeiten,
es ist immergrün, immerblau. Der Himmel erwirbt und
erhält sich hier ein Anrecht auf sein Blau, auf eine Sonne,
die selbst der wolkenbruchartige Regen nicht besänftigt. Es
schüttet Grün aus allen Poren.
Die Ventilatoren kreisen ununterbrochen über den Sitzen
im „Observing Room“, einer verschlissenen Luxusklasse
mit dem liebenswürdigen Charme derer, die überdauern.
Von der Zeit überlebt, bewahrt sie die Spuren ihrer
Reisenden, bewahrt sie die Zeit wie eine Maschine, die
Erinnerungen markiert und sammelt.
Bedeutungsvoll hatte der Mann hinter den Gittern des
Schalters meine Reservierung entgegengenommen.
„Observing Room“. Special Class. Special Price. Ich stehe
allein am Schalter, an dem Schalter der Second Class
drängen sich die Massen von Frauen und Männern, die
mich anstarren. Der Mann schreibt meinen Namen
sorgfältig, angestrengt langsam in sein großes, schweres
Buch und reicht mir dann ebenso gewichtig die
handgeschriebene Fahrkarte wie ein Dokument. Nahezu
feierlich: Gampaha - Kandy.
In meinem Traum steigen die Ebenen sanft an, heben sie
sich wie das Licht, in dem das Grün, das Blau schwimmt.
Das Grün unter Wasser. Schwimmende Halme im See. Eine
schwimmende, schillernde Luft. Eine Landschaft wie ein
Traum. Der Glanz liegt über allem, über dem Wasser. Die
Morgensonne thront.
Scharen von weißen Fischreihern, auf langen staksigen
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